Tour: Einmal Amerika und zurück

„Winterlassenschaften“

Eigentlich könnte ich der Tour noch ein paar Namen geben, es war verdammt erlebnisreich. Noch im Herbst letzten Jahres hatte ich den Ortsteil Amerika bei Penig ca. 120km von Dresden als Ziel ausgemacht. Für eine Wintertour war mir das neben der fehlenden Ausrüstung auch entschieden zu weit. So habe ich die letzten 2 Monate sehnsüchtig auf stabiles Wetter, die Zeit und die wiederkehrende Fitness nach dem Winter gewartet. Diesen Winter hatte ich auf Ausfahrten verzichtet. Mein Hinterreifen ist nur noch ein Slick mit kleinen Erhebungen und ich habe gerade das Geld nicht ihn zu wechseln und irgendwie kamen Zeit und Wetter nie richtig zusammen.IMG_1284

Tourdaten:
20.03.2014
21.03.2014

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13:45 – 18:00
7:00 – 20:30

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65km
157km

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ø 21km/h
ø 17km/h

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an 597m
an 2093m

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ab 501m
ab 2174m

Nachdem sich der Winter zu Ende neigte machte ich mich endlich an die Tour. Ich hatte mir mehrere Routen zusammengestellt. Zwei bis drei Varianten schnurgerade der Luftlinie nach, eine in einem südlichen Schlenker über Freiberg und eine nördliche über Döbeln. Als erste Ausfahrt nach 4 Monaten gab es eine Erkundungstour.  Da ich um das kräftezehrende Verlassen des Elbtals über die Seitenhänge weiß machte ich mich mit Tagesgepäck auf eine der Routen zu erkunden. Nach 60km war ich wieder zu Hause und ko. Oje, der Winter hatte seine Spuren hinterlassen und die noch kalten Temperaturen taten ihr übriges. Für die zweite Erkundungstour, diesmal mit vollem Gepäck, wählte ich eine Route über Lommatzsch die zwar 20km länger ist, aber um einiges flacher/ sanfter das Elbtal verlässt. Nach 80km war ich mit krampfenden und brennenden Beinen wieder zu Hause. So langsam zweifelte ich daran so früh im Jahr schon 120km am Tag wegzustecken. Ich bastelte noch etwas an der Route, so dass ich auch nach 70-100km Übernachtungsmöglichkeiten hatte.
Zwei Wochen schönstes Frühlingswetter mit 16-20° vergingen und ich fand keine Zeit. Ich kam mir vor wie der Tiger im Käfig. Dazu kam ein persönlicher Tiefschlag der mich drängte mich auszupowern und endlich mal wieder rauszukommen. Die Woche war wieder nass und kalt angesagt, aber nach dem Wetterbericht mit zwei schönen Tagen als Unterbrechung. Der Donnerstag sollte sonnig und um 19° werden, der Freitag ebenfalls nochmal um 18° aber mit einer Unwetterwarnung wegen Sturmböen bis 50km/h und überhaupt konstantem Südwestwind mit 20-30km/h, dazu sollte es am frühen Abend zu regnen anfangen. Die Nachttemperaturen waren mit 6-9° vorausgesagt. Egal, ich wollte wenigstens den schönen Donnerstag nutzen und die eine Nacht um überhaupt am Ziel anzukommen, denn ich rechnete inzwischen mit einer Zwischenübernachtung um die 120km zu bewältigen. Am Freitag hätte ich dann abends mit dem Zug zurückfahren können.
route_kartehöhenmeter amerikaDie Route war wie immer über Rad-, Acker- und Waldwege geplant. Aufgrund der langen Gesamtstrecke kürzte ich aber auch mal über Land- und Bundestraßen ab. Unterwegs versuchte ich wieder so viele verzeichnete Hütten wie möglich abzufahren, beziehungsweise hatte die Route entlang dieser Hütten geplant. Von den erarbeiteten Hinwegen entschied ich mich für einen der längeren (109km), aber dafür mit sanfteren Steigungen was meine Knie begrüßten. Der Rückweg(114km) sollte etwa zur Hälfte der Route des Hinwegs folgen, um einfach besser abschätzen zu können was einen erwartet und so besser zeitlich und mit Blick auf das Wetter planen zu können. Die Route sollte von Dresden aus über Meißen und Lommatzsch Richtung Westen nach Döbeln führen. Dort treffen sich die Mulde und die Zschopau. Die Route führt südlich das Zschopautal hoch bis Mittweida um dann südwestlich Richtung Penig abzuknicken. Nördlich von Penig erreicht die Route die Mulde und folgt dem Muldetal weiter nach Norden bis Rochlitz. Ab da ging es zurück nach Osten um bei Waldheim, in der Nähe von Döbeln, den Routenverlauf des Hinwegs zu kreuzen und diesem zurück nach Dresden zu folgen.

Am Donnerstag war ich um 7Uhr aus dem Bett und wollte eigentlich um 9Uhr auf dem Bike sitzen. Öhm, räusper, ich saß erst um 13:45 auf dem Bike. Fragt mich nicht was ich gemacht habe. Noch ein bisschen gepackt, doch nochmal etwas an der Route gedreht, auf die Verlässlichkeit des Wetterberichts gewartet, ein paar Sachen im Netz erledigt und wohl einfach die Zeit vergessen. Ich hatte mich erst am Morgen entschieden, ob ich einen dicken Winterschlafsack mitnehme und Biwakiere oder ob ich meinen Sommerschlafsack (Komfortuntergrenze 8°) samt Zelt mitnehme. Wegen dem angekündigten Wind setzte ich auf das Zelt.

13:45, puh, mehr als 80km würden es nicht werden heute. Es ging flott den Elberadweg runter um kurz hinter Meißen, nach 30km, westlich nach Lommatzsch abzubiegen. Nun ging es 20km bergauf aus dem Elbtal. Ich folgte dem Elbe-Mulde-Weg bis nach Döbeln. Das Wetter war traumhaft, endlich wieder sommerliche Temperaturen.
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Die Strecke führte über einem angenehmen Mix aus Feldwegen und Dorfstraßen nach Döbeln. Um 17Uhr besorgte ich dort noch das Abendessen in einem Supermarkt. Ich hatte eigentlich ein Fertignudelgericht und eine Suppe dabei, aber mir war irgendwie nach Grillen. Also gab es zwei Würstchen samt Brötchen und einen Mehr-Mayo-als-Nudeln-Nudelsalat aus dem Kühlregal. Dazu ein Bier gegen das unterhopft sein und ein Malzbier als Nachtisch.
Bei Limmritz stieß ich auf das erste Viadukt auf dieser Tour und verließ den Zschopautal-Radweg und blieb rechtsseitig des Flußes, da hier demnächst ein Shelter sein sollte.
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IMG_1277Der Weg führte an steilen Grundstücken am Hang vorbei, die wie große Schrebergärten waren, aber eher mit kleinen Villen anstatt mit Häuschen versehen. Die Grundstücke waren wirr und auch die Nutzung war nicht so ganz klar. Ich hatte zwar nur 67km geschafft, aber es war 18Uhr und wurde langsam dunkel. Ich fragte Jemanden der auf einem der Grundstücke zugange war, ob ich irgendwo auf dem Grundstück übernachten könne, oder ob er eine geeignete Stelle in der Nähe wisse. Er meinte ein Stück weiter sei eine kleine Halbinsel und außerdem würde hier sowieso fast nie jemand lang kommen. Ich folgte dem Weg ein paar hundert Meter weiter und fand die Halbinsel. Dass der Weg dahinter mehr einer Kletterpartie glich und es immer dunkler wurde ließ mich einfach hier mein Lager aufschlagen, auch wenn der Platz nicht ideal war. Der Platz war zwar wunderschön, aber hinter mir thronte eine Felswand, der ich mein Vertrauen schenken musste und vor allem war hier ein konstanter, starker Fallwind vorhanden, der einen Einschnitt im Hang herunterkam, über den ein kleiner Bach seinen Zufluss in die Zschopau hatte. Auch die Nähe zum Wasser war mir wegen der Feuchtigkeit ein Dorn im Auge. (Bilder teilweise vom nächsten Morgen)

IMG_1280IMG_1320IMG_1288IMG_1292Ich suchte etwas Schutz vor dem Wind hinter einem mehrstämmigen Baum. Mütze und Handschuhe waren trotzdem angesagt. Zum Sonnenuntergang gab es die über dem Hobo gegrillten Würstchen (die Fotos sind natürlich verwackelt, weil ich zu ko war zum Aufstehen um das Stativ vom Fahrrad zu holen). Mit der Dunkelheit kamen auch die Sterne traumhaft klar zum Vorschein. Eine Besonderheit war eine Sternschnuppe. Ich habe schon etliche gesehen, aber diese war besonders. Ich konnte richtig 2-3 Sekunden zusehen und am Ende zerbrach sie in mehrere Einzelteile wie eine Silvesterrakete. Es war beeindruckend.

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Ich wollte noch eine Alternative für die weitere Route suchen, da ich keine Lust auf Klettern hatte, aber das GPS blieb dunkel. Oh, oh…, aber egal, kümmere ich mich morgen früh drum. Gegen 20:30 verkroch ich mich ins Zelt und versuchte zu schlafen. Ich war verdammt froh mich für die Weichei-Variante Zelt entschieden zu haben. So hatte der Fallwind keine Chance, im Gegenteil er sorgte wohl für eine gute Durchlüftung, und es war nochmal ein paar Grad wärmer im Zelt. Es dauerte einzuschlafen. Ich war noch nicht ausgelastet, der kleine Bach ein paar Meter weiter machte ganz schön Lärm und alle 2h rumpelte ein Zug über das Viadukt und verlor sich in einem Grollen, das durch das Tal ergoss, Die Nacht war unruhig, ich bin gefühlt jede Stunde mal aufgewacht. Die Enten die vorher nur auf dem Fluss rumgeplanscht hatten standen irgendwann mal vor meinem Zelt und wollten mir was sagen oder beschwerten sich nur. Auch ein, höchstwahrscheinlich, Fuchs besuchte mich irgendwann und fiepte mir was vor. Zudem war es kalt. Mitten in der Nacht musste die Mütze wieder auf den Kopf.
Um 5:15 war ich mal wieder wach und dachte nur, ok, das sind gerade die kältesten Stunden. Bis ich feststellte, dass mir eigentlich gerade ziemlich warm war. Ich lugte aus dem Zelt und stand auf. In einer Stunde sollte eh der Wecker klingeln und außerdem war die morgendliche Stimmung einfach zu schön. Einen schönen Sonnenaufgang konnte ich zwar nicht erwarten, zumal ich auf der Ostseite des Flusses am Hang war, aber es war trotzdem eine märchenhafte Stimmung.

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Oh Wunder, null, nada Kondens. Alles trocken, sogar das Zelt. Ich packte mein Zeug zusammen und machte mir mit dem ersten Tageslicht einen Kaffee. Die Milch (keine H-Milch) war trotz der knapp 20° tagsüber noch gut. Scheinbar hatte es etwas gebracht sie mit Alu umwickelt zu transportieren. Ich hob mir den Rest für einen Kaffee am Nachmittag auf und verzichtete auf das Müsli. Noch die Daten ins Tourbuch übertragen, wenn ich den Tacho über Nacht nicht so intelligent und gequetscht verpackt hätte, dass nun alle Daten gelöscht waren.
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Um 7Uhr saß ich auf dem Bike. Auch das GPS ging wieder, naja es ging nie nicht. Mir war am Abend vorher nur nicht bewusst gewesen, dass das GPS von sich aus gar nicht leuchtet und im Dunkeln hatte ich die Einstellung für die Helligkeit auf dem zappendusteren Display natürlich auch nicht mehr gesehen. Schlau, schlau…
Ich verzichtete auf die Erfassung der weiteren Unterstände/ Shelter diesseitig der Zschopau und wechselte bei Limmritz doch auf den Zschopautal-Radweg, der hier als Track weiterlief und schon bald einen Knick nach Westen Richtung Steina macht um dann südlich nach Waldheim zu führen. Ich wählte den direkten Weg, ein Path laut der Karte. Alsbald war auch schon das nächste Viadukt in Sicht und als zweites Frühstück ging es erstmal bergauf.

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Der Weg führte parallel zu den Gleisen in einem steten Auf und Ab als kaum vorhandener Wanderweg weiter. An Fahren war hier nicht zu denken. Schieben und Tragen war angesagt. Ein schöner Weg, aber verdammt anstrengend und zeitraubend. Schon nach 30Minuten Fahrt mussten die Beinlinge und das zusätzliche lange Trikot weichen.

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Der Weg führte immer weiter bergauf. Um 8Uhr erreichte ich einen Aussichtspunkt und kurz darauf eine Hütte, die ich ursprünglich mal als Übernachtungsmöglichkeit verzeichnet hatte.
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Noch ein schönes Viadukt folgte, bis ich um 8:15 in Waldheim ankam und mich erstmal bei einem Bäcker günstigst mit zwei belegten Brötchen, einem süßen Teilchen und einem Kaffe eindeckte. Die Verkäuferin war super nett und packte mir, nachdem ich ihr von meiner Tour erzählt hatte,extra vielSchinken, Käse und Ei auf die Brötchen. Die 20 Minuten Pause auf dem Supermarktparkplatz hatte ich bitter nötig nach dieser Wanderung von gerade mal 8km.

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Der Zschopautal-Radweg verläuft ab Waldheim erstmal auf einer Straße die steil nach oben an Kriebethal und Ehrenberg vorbeiführt. Aber die Mühe lohnt sich, man hat an mehreren Stellen einen wunderschönen Blick auf die Burg Kriebstein.

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Entlang des Weges hatte ich eigentlich noch ein paar Shelter die ich abklappern wollte, aber ich hatte schon genug Zeit und Kraft verloren und die Paths die zu den Sheltern führten schreckten mich durch nicht allzu ferne Erinnerungen auch ab.

Hinter Falkenhain ging es ein kurzes Stück abwärts nach Mittweida, wo ich den Zschopautal-Weg verließ. Langsam bewahrheitete sich der Wetterbericht und es wurde immer windiger. Der Wind kam mit 20-30km/h aus Südwesten und ich fuhr nach Südwesten, top. Selbst bergab lag mein Schnitt um 8-12km/h langsamer als normal und ich musste gut treten. Zu allem Überfluss ging es hinter Mittweida auch gleich wieder steil bergauf nach Altmittweida. Von dort ging es bergab zur Chemnitz. Das ständige Treten gegen den Wind kostete Zeit und Nerven, es war ungemütlich und meine Kräfte schwanden. Mir war irgendwie nach guter deutscher Küche mit Soße, mit diesem Geschmack im Mund suchte ich mit einem Auge nach einem Restaurant. Obwohl es eine Low-Budget-Tour werden sollte war ich bereit nen 10er hinzublättern um wenigstens kurz dem Wind zu entfliehen und vor allem um meine Lust auf Bratensoße zu stillen. Um 10:20 in Claussnitz lag zur linken ein Supermarkt, davor sah ich eine kleine Holzbude. Wegen meiner Kurzsichtigkeit konnte ich nicht erkennen was da verkauft wurde und riechen ging bei dem Wind auch nicht. Der Gedanke wenigstens eine Bratwurst zu bekommen und eine Limo für den Zuckerhaushalt ließ mich im letzten Moment noch den Lenker rumreißen und die Böschung auf den Supermarktparkplatz hinunter fahren.
Hahaaaaa, ich las was von Fischbrötchen, Bratwurst, Hühnerfrikassee und Sauerbraten 100g 1€. Wie genial ist das denn. Ich kam mit der Frau am Stand in ein sehr angenehmes Gespräch. Ihr Wortlaut „Es ist schön sich mit jemandem zu unterhalten, so als würde man ihn schon sein Leben lang kennen.“ Die Qualität des Essens war super. Der Stand versorgte die ganzen alten Leute in der Gegend mit Essen. 250g Sauerbraten, ein Brötchen und eine Coke. Puh, war ich voll. Zur Verdauung der Witz eines Volleyballkollegen, der mir bei dem Namen des Supermarkts gerade einfällt.

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[Der Herr Simmel:
Ein Mann kommt etwas niedergeschlagen in eine Bar, setzt sich an den Tresen und fragt den Wirt, ob er ihm Einen ausgibt wenn er ihm etwas zeigt, dass er noch nie gesehen hat. Der Wirt bejaht, weißt aber darauf hin, dass es kaum etwas gibt was er noch nicht gesehen hat. Der Gast greift in seine Tasche und stellt ein 30cm großes Männchen in Frack und Zylinder auf den Tresen. Das Männchen zieht seinen Hut, verbeugt sich und sagt „Hallo, ich bin Herr Simmel“. Der Wirt ist baff und erstaunt und gibt dem Gast das versprochene Getränk „Was ist das denn, wo hast du den denn her?“ Der Gast antwortet: „Da draußen steht ein Laternenpfahl, wenn man den dreimal reibt erscheint eine Fee und du hast einen Wunsch frei.“ Der Wirt: „Ach was das glaube ich nicht.“ und verlässt das Lokal, reibt dreimal am Laternenpfahl und schwups taucht eine Fee auf und sagt ihm er hätte einen Wunsch frei. Der Wirt überlegt nicht lange und sagt: „Ich wünsche mir 30 Millionen in kleinen Scheinchen.“ Ein lauter Knall, ein Blitz und Rauch und der Wirt steht inmitten von 30 Melonen und hat ein kleines Schweinchen auf dem Arm. Verwirrt und verdattert geht er zurück zum Gast und sagt: „Also irgendwie scheint die Fee was an den Ohren zu haben?“ Der Gast sagt nur: „Ach wirklich? Glaubst du etwa ich habe mir einen 30cm großen Simmel gewünscht?“]

10:50, weiter ging es gegen den Wind. Ich hatte heute erst 34km geschafft. Von der Chemnitz ging es hinauf über Taura nach Burgstädt. Hinter Burgstädt folgte ich der Route in den Mühlauer Forst, wo ein Unterstand sein sollte, den ich für eine Übernachtung genutzt hätte, wenn ich die 109km Hinweg bis dahin an einem Tag geschafft hätte. Es war 11:30, 43km waren für heute bewältigt, als ich an der Hütte ankam. Auch schlau, erst jetzt merkte ich, dass ich einen alten und einen „neuen“ Fahrradhandschuh anhatte.

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Na immerhin, ein Ziel war erreicht und ich konnte im GPS den Track für den zweiten Tag aktivieren. Es war 12Uhr, der Wind war sogar hier im Wald spürbar vorhanden und ich hatte nun noch 114 offene Kilometer. Was für rosige Aussichten. Aber die Nähe zum eigentlichen Ziel der Tour gab mir Ansporn. Zudem führte die Route über schöne G3-Tracks bergab durch den Wald.
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Noch eine letzte Hürde, bei der ich mal wieder nur dachte „Ja ne, is klar…Radweg…“ Dann war ich da, in Amerika, naja in zumindest einem Amerika.Ja ne, is klar...

„Amerika ist ein Ortsteil der Stadt Penig im Landkreis Mittelsachsen im Freistaat Sachsen. Seinen Namen bekam er auf Grund des Umstandes, dass sich in der Ortschaft seit 1836 eine Kattundruckerei befand, die für Besucher nur über die Mulde zu erreichen war – zunächst über einige große Steine, später dann über einen Kahn. Man wurde also über den Teich gezogen, dieser Ausdruck war damals schon für die Reise in die Vereinigten Staaten bekannt und so bürgerte sich der Begriff Amerika an der Mulde für die Fabrik und die Umgebung ein.“ (wikipedia)

Eigentliches Ziel der Tour war ein klischeehaftes Foto mit dem Ortsschild. Aber nö, wie man mir mitteilte als ich nach einem solchen fragte, sei das gerade mal wieder gestohlen worden, wie es eigentlich immer der Fall ist, und noch nicht wieder ersetzt. Na gut, ein Ortsschild, wenn auch nicht das offizielle, hatte ich gesehen.

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Die Route führt nun nordöstlich zum Mulde-Radweg, was mir ja eigentlich Rückenwind bescheren sollte. Pustekuchen, der Wind inzwischen mehr Sturm kam von überall, nur nicht von hinten. Es war echt kein Spaß mehr, auf dem offenen hügeligen Gelände war man schutzlos ausgeliefert. Vier bis fünf Mal hat es mich einfach in den Seitengraben geschoben und 2-3 Mal zu einem guten 1-1,5 Meter-Schlenker gezwungen. Letzeres waren wohl die angekündigten Sturmböen bis 50km/h. Das ganze war auf der Landstraße nicht ungefährlich. Irgendwo bei diesem Balancespiel mit dem Wind, als ich versuchte schnell wieder die Trinkflasche unter der Sattelnase zu verstauen um wieder mit beiden Händen am Lenker zu sein, brach der Trinkflaschenhalter. Darauf wartete ich eigentlich schon länger. Das Ding ist über 15 Jahre alt und in letzter Zeit hatte ich ganz schön daran rumgebogen. Schnell 2 Kabelbinder gezückt und das Ganze notdürftig repariert. Zum Glück hielt es, denn auf meine Magnesiumflasche griffbereit hätte ich an dem Tag nicht verzichten können.
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Hinter Rochsburg, den Umweg zum Schloss sparte ich mir, stieß ich bei Lunzenau auf die Zwickauer Mulde. Es ging auf dem geteerten Radweg über leichtes Auf und Ab und die Windböen waren hier nicht so stark. Endlich konnte ich mich mal auf den Lenkeraufsatz legen und wenigstens einen 22er Schnitt gegen den Wind fahren. Bei Göhren gab es um 13Uhr und nach 56km nochmal ein Viadukt zu bestaunen. Ein Ort bei dessen Rechtschreibung man noch etwas verbessern kann, mit dessen Motto ich aber vollkommen übereinstimme lag auf dem Weg, dann ging es weiter über Wechselburg nach Rochlitz.
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Bei Rochlitz verließ ich den Mulde-Radweg Richtung Osten über die B175. Ein Mann bei dem ich Wasser auffüllte und der mich nach meiner Route fragte meinte nur „Na da haben sie aber noch einige Berge vor sich.“ Das war neben dem unaufhörlichen Wind verdammt motivierend. Hinter Rochlitz ging es dann auch gleich steil bergauf und oben angekommen zog sich die Straße weiter einen Hügel hinauf. Ich brauchte nen Kaffee. Nach 69km um 13:50 war es sommerlich heiß und ich suchte Schatten auf einer Wiese. Langsam schwanden die Kräfte und ich hatte noch 90km vor mir und 4h bis es dunkel wird.

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Inzwischen wünschte ich mir nach jedem Anstieg, dass es endlich der letzte sei und es nun nur noch bergab ginge. Aber der nächste Anstieg brachte schnell wieder Ernüchterung. Ich war wieder im offenen Gelände und die Windböen auf der Bundesstraße samt dem starken Verkehr machten die nächsten Kilometer verdammt ungemütlich. Um 15:15 war ich nach 86km wieder in Waldheim und damit zurück im Zschopautal. Ich folgte einfach der Route auf dem Navi und gelangte auf die rechte Seite der Zschopau, ein Schild Wanderweg-Zschopau ignorierte ich und hatte nach kurzer Zeit den Salat. Der Weg, auf der Karte wieder ein Path, war ein schmaler Wanderweg am steilen Abhang hoch oben über der Zschopau. Hier wollte ich noch nicht mal einem entgegenkommenden Wanderer begegnen, so eng und schmal war der Weg. Auf der anderen Flussseite verlief wohl der Radweg, denn dort sah ich auf dem GPS den Track vom Vormittag. Egal, einfach weiterschieben, irgendwie vorwärts kommen.

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Als ich das Gröbste hinter mir hatte und der Weg auf einer Wiese endete kam mir ein wanderndes Ehepaar entgegen. Ich dachte nur, wären die mir früher begegnet hätten die mich vielleicht vor dem Weg gewarnt. Oder doch nicht? Denn in dem Moment erkannte ich wo ich war. Der Weg verschwand ein Stück weiter wieder im Wald und ein großes weißes Gebäude ließ mich erkennen, dass ich nicht mehr weit von meinem Übernachtungsplatz weg war. Ne, ne, auf das Stück Weg, das mich am Vorabend am Weiterkommen gehindert hatte, hatte ich nun gar keine Lust. Ich war heute schon genug mit dem Bike unterm Arm „geklettert“.
Zum Glück führte die Zschopau wenig Wasser und vor mir war ein relativ flaches und steiniges Stück, fast schon wie eine Furt. Den Lenkeraufsatz zum Schuhhalter umfunktioniert und um 15:45 ging es ab ins kühle Nass. Nun kam noch mehr Abenteuerfeeling auf und die Abkühlung tat gut.

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Jihaa, geschafft. Denkste. Auf der anderen Seite gönnte ich mir erstmal noch ein Brötchen und entspannte meine vom Schieben und Tragen verkrampften Arme. Ich war auf einer Insel. Zwei-, dreihundert Meter weiter grasten Ziegen auf dem Grundstück und in der anderen Richtung sah ich einen Zaun samt Rolltor. Beim Näherkommen musste ich feststellen, dass da kein Durchkommen war. Das Rolltor ging linksseitig in ein Brückengeländer über und war auf beiden Seiten extra verlängert, damit man nicht drum herum klettern kann. Links war ein tiefer Kanal, rechts der Fluss, an dieser Stelle wesentlich tiefer. Rechts vor mir war ein ca. 2,5m tiefer Wasserablauf, auch mit Zäunen geschützt. Etwas ratlos trat ich an der Stelle.
Ich kletterte die steile Böschung zum Fluß hinunter und kam dort über einen 1,5m Absatz in den Wasserablauf. Auf der anderen Seite konnte ich mein Bike hochhieven und vermutete mich in Freiheit. Fehlanzeige. Nun stand ich auf dem anderen Teil der Insel, der genau so hermetisch abgeriegelt war. Wieder ein Rolltor und wieder diese xxxxx-verlängerten Zäune. Ich fuhr ans Ende der Insel, Wasser, tiefes Wasser. Am Stauwehr war auch kein Durchkommen. Ich hielt Ausschau nach einem Boot, dass an einem der Schrebergärten vor Anker lag. Nichts. In den Gebäuden war auch kein Zeichen von Leben. Ich wurde langsam etwas panisch, zumal das ganze Zeit kostete und die hatte ich momentan nicht. Ich spielte schon mit dem Gedanken die Polizei rufen zu müssen um mich befreien zu lassen oder den Weg zurück durch den Fluß zu nehmen und mich der anschließenden Kletterpartie hinzugeben.
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Ich weiß nicht wie und mit welcher Kraft, aber zurück am Rolltor hob ich einfach mein Fahrrad an der Federgabel und am Sattelrohr über das Tor. Na super, nun stand ich da. Ich auf der einen Seite und das Bike in der Schwebe über Kopfhöhe hinter dem Zaun. Ich drückte mich mit einem Bein auf den unteren Absatz am Rolltor, konnte übergreifen und das Bike nun ein Stück ablassen. Die  gut 27kg am Sattel herabzulassen war mir zu riskant, den brauchte ich noch für den Heimweg. Aber fallen lassen wollte ich das Bike auch nicht, da es noch gute 1,5m runter ging und zudem die Bremsscheiben drohten am Tor aufzuschlagen. Ich griff mit einer Hand durch das Tor, konnte dann mit der anderen nachgreifen und so das Bike einigermaßen sanft absetzen. Nun noch hinterher klettern und ich war wieder frei.

Es war 16:20, ich hatte 90km auf dem Tacho und noch weiter 65km vor mir. 10km weiter war Döbeln, der nächste größere Ort mit Zuganbindung. Aber irgendwie sah ich es nicht ein abzubrechen, der Tag hatte schon so viel von mir gefordert und ich wollte ihm auch noch das Letzte abtrotzen. Zudem musste es ja irgendwann bergab ins Elbtal gehen und ich hatte Zeit. Das letzte steilere Auf und Ab hinter Döbeln und der zwar nachlassende, aber immer noch kräftig wehende Wind ließen mich nach 103km um 16:50 nochmal 10min Pause machen. Ich war langsam echt erschöpft.

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Langsam zogen auch die angekündigten Regenwolken auf. Aber immerhin konnte ich wieder größtenteils auf dem Lenkeraufsatz fahren. Nach 110km bei Schweimnitz ging es bei leichtem Nieselregen endlich hinab ins Elbtal. Nach 127km war ich um 18:45 an der Elbe. Die letzten 30km den Elberadweg hinauf hoffte ich eigentlich wie immer mit nem 27er Schnitt auf dem Lenkeraufsatz und dem Raushauen der letzten Kraftreserven hinter mich bringen. Schön wäre es gewesen. Mit meinen 10€ Funzeln am Bike und meiner in den letzten Jahren entstandenen Nachtblindheit konnte ich kaum den Weg erkennen. Die Sicht war irgendwie milchig, was wohl auch an der Bikebrille lag, die scheinbar mit einer leichten Fettschmierrage überzogen war. Ohne die Brille kam ich immerhin nochmal auf nen 18er Schnitt. Es war nochmal anstrengend, nicht für die Beine, sondern für die Arme, die nichts mehr halten mochten. Ich musste immer beide Hände an den Bremsen haben auch wenn ich die tückischen Stellen des Elberadwegs in diesem Abschnitt in und auswendig kenne. So wackelig wie ich auf den Beinen war, so ist auch das letzte Foto der Tour, das Meißener Schloss. Um 20:30 war ich nach 157km an diesem Tag wieder zu Hause. Eine heiße Dusche und den Nudel-Heißhunger befrieden. Das wars.

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Fazit:
Jetzt einen Tag später kann ich nur sagen, Ziel erreicht, ausgepowert. Der zweite Tag war wohl der  anstrengendste den ich bisher auf dem Bike hatte. Die 120km Touren nach Leipzig, Torgau,.. verliefen alle größtenteils in der Ebene oder über sanfte Hügel. Die 170km von Karlsruhe nach Freiburg ebenso.
Mich hat es ehrlich gesagt gewundert, dass ich bei meinem Trainingsstand keine Krämpfe hatte. Das mag an den 2 Rumpsteak liegen, die ich die Woche davor gegessen hatte oder an den 5-6 Magnesium-Tabletten die während der Tour drauf gegangen sind. Definitiv lag es daran, dass ich fast nie am Limit gefahren bin, sondern immer zugesehen habe möglichst leicht zu treten und dafür etwas langsamer zu sein.
Gelernt habe ich auch wieder einiges auf der Tour. Obwohl schon ewig in Benutzung habe ich erst jetzt verinnerlicht, dass man einen Path auf der Open-Mtb-Map eher meiden sollte. Auch war ich froh um mein Kilo Werkzeug und Ersatzteile die ich immer mitschleppe. Und bei der nächsten Tour ist definitiv wieder eine Mütze für die Nacht dabei. Ich weiß zwar, dass man einen Großteil der Wärme über den Kopf verliert, hätte aber nicht gedacht, dass es so viel ausmacht.
Unnötig mitgeschlept habe ich 5 oder 6 Mars/Sneakers-Riegel und die Fertiggerichte. Wobei es mir immer das Gefühl gab, egal was kommt, ich kann einfach noch ne Nacht draußen bleiben, auch ohne Einkauf.
Ach ja eine Sache hat mir noch wortwörtlich den Arsch gerettet. Bisher hatte ich ne 6-8€ Hirschtalgfett-Arschcreme dabei. Im letzten Bikeladen hatten sie nur ein 18€-Produkt und ich muss sagen top, um Welten besser. Aber dazu gibt’s mal nen eigenen Bericht.

Nachtrag:
Habe mal die Packliste zusammengeklickt.
Entschuldigt, der Export/ das Layout von der Gewichtsverteilung ist noch nicht wirklich schön.
– in der Auflistung ist wirklich jeder Kleinsch… verzeichnet (Lenkeraufsatz, GPS-Halterung,…) [ca. 0,5kg]
– Gewicht ist inkl. 1,5L Wasser am Bike [1,7kg]
– Gewicht ist inkl. 1,5L Wassser am Fahrer [1,6kg] und den Klamotten die ich anhatte (Helm, Schuhe,…) [1,7kg]

abzüglich der oben genannten Dinge komme ich (inkl. Taschen) auf ca. 4,7kg am Fahrer und 10,5kg am Bike
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4 Gedanken zu “Tour: Einmal Amerika und zurück

  1. Klasse ausführlicher Tourbericht. Danke!

    ABER: 27kg Gesamtgewicht müssen nicht sein – da kanns’t du noch einiges an Gear abspecken…ist gar nicht so schwer und teuer :- )

    • Danke! Also ehrlich gesagt weiß ich nicht genau wie viel ich dabei hatte. Das ist nur ein geschätzter/ überschlagener Wert. Das Bike wiegt allein schon 12kg. Ich schreibe mal noch die Packliste zusammen und stell die hier rein, dann wissen wir es genauer 🙂

  2. Sehr schöner Bericht. Als nächsten Schritt empfehle ich eine Tour von Amerika nach Afrika (in der Uckermark). Nicht ganz so bergig, aber hügelig, waldig und auch schön.

    Gruß rc505

    • Ich danke Dir!
      Bei Uckermark hatte ich erstmal nur meinen früheren Erdkundelehrer vor mir (*schäm*) 🙂
      Toller Tipp, passt gut hierher. Ist von/über Berlin gut zu erreichen und nach erster Recherche lese ich Worte wie altes Dorf, Fachwerkhäuser und eine interessante Geschichte. Ist auf jeden Fall weit oben vermerkt. Mal sehen, ich bin in den nächsten Tagen/ Wochen evtl. eh etwas weiter östlich und dann Richtung Rügen unterwegs…

      Grüße

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